Ich kann mich gut erinnern, dass manche ihren Kaffee mitnahmen und ihn dann – mit „Baby-Elefanten“-Abstand stehend - an irgendwelchen Strom-Säulen oder Parkbänken in der Nähe konsumierten, nur um etwas an der frischen Luft zu sein. Wir hatten eine Nahversorger-„Fernbeziehung“ sozusagen.
Unsere Gäste und wir haben im Zuge der vielen Lockdowns, die es gab, ja einiges an Gastro-Reglements mitgemacht: 15 Minuten-Regel (da hatten wir beispielsweise Eier-Uhren in Maikäfer- Form, die pro Gast gestellt waren), später Registrierung bei längerem Aufenthalt, Herzeigen & Dokumentation des Impfzertifikats, 1m-Abstand Regel im Lokal etc.
Denkt man heute daran, hat es einen „unwirklichen“ Schleier. Als ob man diese Zeit geträumt hätte oder man sich schemenhaft an eine Geschichte erinnert, die einem die Großeltern von früher erzählten.
Saisonal zieht heute sicher die eine oder andere COVID-Welle durchs Café. Dann sind wir alle wieder mal der Reihe nach – trotz Impfung – einige Tage außer Gefecht. Aber: dass tatsächlich alles geschlossen ist, man nur aus dem Fenster heraus bedient - das ist gefühlte Jahrzehnte entfernt. Gott sei Dank muss man sagen! Unglaublich, was die Wissenschaft und Medizin in dieser kurzen Zeit geleistet haben. Wir leben hier in Österreich einfach in einem gelobten Land. Auch wenn man es zwischendurch immer wieder mal ob der Absurditäten und Kasperl-Einlagen diverser Politiker vergisst. Obwohl die Zeiten unsicher sind, alles teurer und weniger sozial und heißer wird. Ist es nicht alles in allem unglaublich, wie privilegiert wir hier sind? Täglich hast du wie selbstverständlich zu essen, mit großer Wahrscheinlichkeit eine geheizte Wohnung und fließend Wasser in einer Qualität, die du weltweit suchen musst. Auch solche Themen werden hier im Kaffeegreissler-Café stammtischartig besprochen. Wir und ein Großteil unserer Kunden sind uns im Klaren, dass es ein Riesenglück ist, wenn man in Österreich geboren wird und/oder hier leben kann.
Eine Welle der großen Dankbarkeit durchströmt uns mehrmals wöchentlich: Tolle Menschen hier, tolles Lokal, tolle Umgebung, eine tolle Lebenssituation. Und natürlich: toller Kaffee! 😉 Es ist die beste Ausgangsposition, um gleichermaßen gute Momente innig genießen, aber auch schwierige Situationen meistern zu können. Was will man mehr vom Leben?
Im Hamsterrad
Selbständige wissen es: Mit der Entscheidung, sein eigener Herr/Frau zu sein, hat man plötzlich viele Rollen. Vom Einkäufer über Geschäftsführer und „Finanzminister“ hin zu Kundenbetreuer und Buchhalter bis zur Werbung oder auch Putzerei & Wäscherei: Man ist alles.
Viele haben ja diese besagte Traumvorstellung eines „kleinen Cafés“. Man sieht sich dort, selbständig und unabhängig von Arbeitgebern, kleine Speisen und gute Getränke zuzubereiten, und nett mit Gästen plaudern. Oft gibt es solche schönen Momente. Aber: Kaum jemand denkt dabei an die Rundum-Betreuung von Lieferanten, Kunden oder vom Lokal selbst. Kommt dann noch ein technisches Gebrechen dazwischen, dann priorisiert du neu, egal was für diesen Tag geplant war. Flexibilität ist dein ständiger Begleiter. Ist OK, sonst wär es ja fad 😉
Putzen ist bei uns ein großes Thema. Wir verbringen viel Zeit damit. Vor allem, wenn es um das Innere der Kaffeemaschinen und der Mühlen geht. Wir legen enormen Wert auf Kaffeequalität und daher muss das fade Putzen einfach sein. Am Abend, wenn wir sperren, hat die/der letzte Diensthabende die Aufgabe, alles – insbesondere aber die Maschinen - gewissenhaft zu reinigen. Das dauert. Aber: Man schmeckt den Unterschied. Allerdings müssen schon 20 - 30 Minuten rein für die Kaffeemaschinen-Hygiene einkalkuliert werden. Der Müll ist dann noch nicht rausgetragen, auch der Boden nicht gewischt oder das Geschirr nicht fertig gewaschen. Danach werden noch die Ware nachgeschlichtet und der Kühlschrank nachbefüllt. Und natürlich muss Kassa gemacht werden. Das kommt alles on top, nach Sperrstunde. Wir schließen um 17.00 Uhr. Die/der letzte Mitarbeiter/in geht aber kaum vor 19.00 Uhr heim. Denn die erste Person, die morgens aufsperrt, soll gleich losstarten können, ohne die Spuren des Vortages wegräumen zu müssen. Schließlich haben unsere Kunden es morgens besonders eilig, rasch einen Espresso oder Coffee-2-Go mitzunehmen. Und das zurecht! Auch rundherum ist immer viel zu tun:
· Laufend geht was kaputt: Beinah täglich brechen ein paar Gläser oder Tassen, manchmal auch „Großes“ wie Wasserleitungen, die Internet-Verbindung oder die daran „hängende“ Kassa. Auch „spinnt“ der Beleg-Drucker zwischendurch. Wenn der Geschirrspüler oder die WC-Brille den Geist aufgeben, dann braucht es rasch Abhilfe.
· gehen die Waren oder die Wäsche aus, wird Patrick verständigt,
· eskaliert ein Kunde etwas – ein Produkt, oder mangelnde Aufmerksamkeit oder
· kommen Speditionen zu einer anderen Zeit oder an einem anderen Tag als vereinbart. Dann führt das schon mal dazu, dass der/die Diensthabende einen Stammgast – der/die hoffentlich gerade da ist – bittet, kurz aufs Lokal „aufzupassen“. Dann läuft man mit dem Lieferanten rasch ins Lager und verstaut die Ware. Danach eilt man schnellen Schrittes wieder zurück ins Café und es geht weiter im Hamsterrad 😉.
· Unangekündigtes Kommen trifft auch für behördliche Checks zu: Marktamt und Arbeitsinspektorat kommen unangemeldet. Das ist OK – aber du musst als Eigentümer bzw. Betreiber anzutreffen sein. Bist Du gerade bei einem Kunden vor Ort oder bei einem Lieferanten, Waren abholen, dann kann es tatsächlich vorkommen, dass die Mitarbeiter „Troubles“ bekommen, da sie nicht als Vertretung gelten.
In solchen Situation vermisst man dann doch die ehemals gewohnte Konzern-Struktur früherer Jobs. Denn ein behördlich anerkannter Vertreter oder eine Abteilung, die dir so was abnehmen kann, wär dann Gold wert.
Ich will nicht „herumsudern“, nur feststellen: Kein Vorteil ohne Nachteil. Selbstständige müssen halt selbst ran. Wenn du es nicht machst, macht oder darf es - in manchen Fällen - sonst keiner machen. Lässt du was liegen, dann fällt dir das spätestens beim nächsten Bescheid, der nächsten Kundenbestellung oder auch bei der Beleg-Sortierung für die Buchhaltung auf den eigenen Kopf. Man verbringt dann Wochenenden oder Nächte damit, Versäumtes nachzuholen, um wieder Übersicht und Ordnung Einzug halten zu lassen und halbwegs auf Gleich zu kommen.
Heute bekommen wir manchmal die Anfrage, künftigen Lokalbesitzern ein bisschen etwas zu erzählen bzw. Tipps zu geben: Viele sind da immer wieder erstaunt, worauf man alles achten bzw. denken muss als Laden- bzw. Café-Betreiber. Wir teilen gerne unsere Erfahrungen. Denn uns wurde auch viel geholfen. Schlussendlich muss aber jede/r selbst für sich draufkommen, wie man arbeiten bzw. sein Geschäft führen möchte. Dazu passt eine kleine Geschichte, die das Engagement bestätigt:
Viele Jahre waren wir für einige Bäcker „zu klein“, um beliefert zu werden. Das heißt, der/die Erste, der/die Frühdienst hatte, fuhr TÄGLICH vor Dienstantritt noch beim Bäcker vorbei, um das Gebäck für unsere Gäste abzuholen. Der Dienst begann also lange vor dem Aufsperren um 8.00 Uhr! Das kann an manchen Tagen wirklich hart sein. Was uns zur Bewältigung solcher Hamsterrad-Situationen seit jeher hilft ist, es als Teil des Dienstes am Kunden sowie als eine Art Hobby zu sehen. Du darfst das machen, was du dir immer selbst erträumt hast. Dieses Mantra hilft enorm in solchen Situationen 😉
Das liebe Lager
Gerade als wir nach COVID wieder in einen guten Trott kamen und dachten „Super, jetzt genießen wir mal die Zeit ohne schlimme Überraschungen“, erreicht uns die Hiobsbotschaft, dass wir aus dem Lager raus müssen. Gekoppelt mit einer zweiten Hiobsbotschaft: Innerhalb von
14 Tagen sollen wir raus.