Autorin: Sonja Schönberger
Forstsetzung der Festschrift - hier geht’s zu Teil 5: Eine/r für alle, alle für eine/n -> TeamSpaß ist wahrscheinlich der Haupttreiber, warum es unser Geschäft überhaupt und nach wie vor gibt. Spaß am Produkt, am Austausch mit Kunden und am Miteinander. Das treibt uns alle an. Es macht Freude, einen tollen Espresso-Shot zu „zaubern“, mit netten Gästen eine gute Zeit zu verbringen, neue Röstungen zu verkosten, mehr best-of-breed-Technologie von Maschinen zu erfahren und sich darüber auszutauschen. Es ist ein Hobby, das viel Abwechslung bietet.
Der 2. „Bildungsweg“ – Tausch: Kaffee gegen Meetings
Patrick wollte sein Dasein nicht mehr in Konzernen absitzen – im wahrsten Sinne des Wortes. Es hat ihm keinen Spaß mehr gemacht. Viele sinnentleerte Meetings und Entscheidungen musst du mittragen. Auch wenn du die Inhalte nicht teilst. Dann musst du so tun, als ob du dahinterstehst. Schließlich bekommst du als Manager im Vergleich zu anderen eine enorme Gage und da ist es das Mindeste, die Fahnen hochzuhalten. Aber wirklich motivierend ist es nicht, wenn man auf Dauer im Geheimen weiß: “Das ist nicht das Richtige für mich“. So ging es uns nach ein paar Jahren Konzern-Erfahrung. Wir sind sehr froh, dass wir das alles erleben durften. Aber erfüllend war es auf die Dauer nicht. Heute ist es eine klare Sache: Bei all dem Wahnsinn, der oft auf uns einprasselt, bei banalsten Tätigkeiten, absurden Begegnungen mit Ämtern, außergewöhnlichen Kundenwünschen, gefühlten Tonnen an von Hand getragenen Kaffeepackungen und so weiter: Wir möchten doch keine einzige Sekunde wieder zurücktauschen. Denn: Es macht Spaß! In mehrerlei Hinsicht:
1. Das Produkt selbst: Kaffee ist greif, riech- und schmeckbar. Was für alle Sinne. Kaum ein Lieferant bringt so viel Freude wie der Kaffeelieferant. Wir sehen das beispielsweise bei unseren Bürokunden. Wenn der Kaffee kommt, steigen die Stimmung und die Motivation gleichermaßen. Wir sind uns sicher, dass der Druckerpapier-Lieferant kaum je eine solche positive Rückmeldung bekommt wie wir 😉
2. Der Sinn bzw. die Freude: Wir wissen morgens, wofür wir aufstehen und arbeiten. Für uns selbst, für ein Kundenlächeln, für heitere Momente. Man braucht sich Montagmorgens nicht mit einer depressiven Phase herumschlagen, weil man wieder ins Büro, in viele Meetings oder zum Flughafen muss, um im Pyjama-Bomber mit anderen Geschäftsreisenden übermüdet zu landen, gestresst zum dortigen Termin fahren – mit dem Gefühl, die „Welt zu retten“. Wir sind dankbar, dass wir das erleben durften. Aber es ist gut, dass es vorbei ist.
„Seen it, done it, got the T-Shirt to prove it”, wie Patricks guter Freund Andy zu sagen pflegt.
3. Abwechslung: Nachdem man in diesem Job viele Rollen hat, macht es Spaß, von einer in die andere zu schlüpfen. Mehrmals am Tag wechselt man. Frühmorgens ist man Barista und Paketierer (Webshopversand), später Maschinen- oder Kaffee-Berater, danach Händler, dann erledigt man eventuell eine Reparatur oder die Administration und abends ist man Teil des Putztrupps und später gern sein eigener Gast. Wir lieben die Atmosphäre im Café, auch wenn es leer ist. Dann saugen wir dieses außergewöhnliche 1950er-Flair ganz exklusiv ein.
4. Man ist – meistens – sein eigener Herr/Frau. Du setzt selbst Prioritäten. Selten bist du fremdgesteuert. Und ist es mal so, dann ist es eher die Ausnahme. Damit kann man gut leben. Denn wir liefern zwar heiß begehrte Ware, aber kein wirklich kritisches Produkt im Sinne von lebensrettend. Auch wenn uns schon morgens der eine oder andere Kunde als Lebensretter bezeichnet hat, so ist es doch ein relativ „banaler“ Genuss, den wir bieten. Wir operieren nicht am offenen Herzen. Gott sei Dank. Gut für unsere „Patienten“! 😉
5. Spaß machen vor allem viele zwischenmenschliche Begegnungen. Die Interaktion ist bereichernd und bringt Abwechslung, Neues und auch „Wärme“. Anonymität ist bei uns so gut wie unmöglich – dafür ist der Platz einfach zu eng und klein. Das und auch die Gemütlichkeit des Cafés führen dazu, dass die Menschen ins Gespräch kommen, sich austauschen und kennenlernen oder gar Freundschaften schließen. Und so manche Gäste haben hier sogar ihr ganz privates Liebes-Glück gefunden! Espresso als Match-Maker 😉
6. Weil wir es also alles in allem so ungemein nett und unterhaltsam haben, begannen wir 2016, die Geschichten, die sich hier zutragen, aufzuschreiben. Wir nennen sie: Kaffeehausgeschichten. Teile davon sind online auf unserer Schönbergers Website nachzulesen: https://www.schoenbergers.at/kaffeehausgschichten-kaffeegreissler
7. Schließlich macht auch der Abschnitt der unteren WIEDEN - mit dem ganz eigenen dörflichen Flair - Spaß. Es gibt hier Alte, Junge, Hipster und Rockstars, Arbeiter, Bürgertum und Adelige – es ist jede Bildungs- und Gesellschaftsschicht vertreten. Patrick liebt es, meint es sei ein „idyllisches Dorf im Grätzl“. Aus Linz stammend, hat er für meine Begriffe ein recht verklärtes Bild vom Dorfleben: alles idyllisch, alle lieben sich. Dieser Set-up hier auf der Wieden bietet ja auch wunderschöne Motive und Begegnungen. Die Wieden hat jedenfalls für viele Menschen eine ganz intensive Anziehungskraft.
Wir schätzen diese Abwechslung und das bunte Treiben enorm und setzen uns dem bewusst aus. Es macht Spaß, in Dialog zu treten. Oder aber auch einfach nur, zu beobachten. „Besser als Fernsehen!“, würden Boomer sagen. Jüngere Semester sagen: Es ist eine Art „analoges LinkedIn mit ein bisschen Tiktok. Dazwischen ein paar Insta-Momente.“ Und unsere KundInnen sehen das ebenfalls so. Manche sind sogar so gerührt, wenn wir beispielsweise ihre Maschine spontan heilen oder das Wochenende mit guten Bohnen retten, dass sie uns Geschenke bringen. Von Zuckerln hin zu Wein und Essen für Zwischendurch ist da alles dabei. Unglaublich, diese Herzlichkeit. Wir revanchieren uns – so gut es geht: Natürlich mit gutem Kaffee, aber auch mit anderen Gesten wie beispielsweise Gratis-Babycchino für Kinder, den einen oder anderen zusätzlichen Griff in unsere Schokomandel-Box, um Groß und Klein zu verwöhnen oder Tipps, wie man das Leben seiner Kaffeemaschine verlängern kann, ohne gleich eine neue kaufen zu müssen. Und ab und zu mit ganz besonderen Glückwünschen für runde Jubiläen von Stammgästen. Beispielsweise Herr Ullmann, der seit Jahren täglich seinen Espresso bei uns genießt – so auch an seinem 105. Geburtstag (der Herr links am Foto 😉 ). Solche Momente sind einfach unbezahlbar!
8. „Bunter Hund“: Das ist einer der vielen Namen, mit denen Patrick inzwischen auf der unteren Wieden bezeichnet wird. Er ist bekannt dafür, dass er bunte Hemden, Hosen und Schuhe mixt. Denn es kommt uns beiden sehr entgegen, dass wir uns nicht mehr in ewig graue oder blaue Kostüme bzw. Anzüge zwängen müssen. Auf wirklich schöne oder edle Kleidung braucht man in unserem Job allerdings nicht zu setzen – es wäre tatsächlich schade drum, denn man wird täglich mehrmals schmutzig bzw. richtig dreckig – die Paletten, Pakete und der Kaffee hinterlassen ihre Spuren. Daher ist bunt sogar besser, denn man sieht die Flecken nicht so sehr 😉. Wir halten es wie David Hockney: „I prefer living in color“. Manche Kunden sind irritiert davon, wie wir herumlaufen. Andere finden es lustig, dass bunt überhaupt eine Option ist. Wir mögen es bzw. haben uns inzwischen derart dran gewöhnt, dass Kunden sogar nachfragen, ob etwas passiert sei, wenn Patrick mal etwas Dunkelblaues, Einfärbiges oder gar Schwarz trägt.
9. Die nächste Generation an Kaffeesiedern
Obwohl Kaffee ja kein typisches Kindergetränk ist, so kommen doch viele Kinder mit ihren Eltern zu uns und fühlen sich wohl. Denn der Kaffeegreissler ist wie ein Kaufmannsladen „in echt“. Die vielen Regale, die bunten Kaffee-Verpackungen sowie der „beschützende“ Raum hinter der Theke ziehen nicht nur Erwachsene, sondern auch die Kleinen magisch an. Kinder lieben es, hinter dem Tresen zu stehen. Steht man nämlich auf dem höherliegenden Verkaufspodest, ist man im Nu circa 20 cm größer. Sie fühlen sich dadurch erwachsener, sagen sie. Ist weniger los, dann darf das eine oder andere Kind von Stammgästen unter Aufsicht mit der Dampflanze Milch schäumen oder auch mal kassieren. Das ist dann das Highlight des Tages. Oft nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Erwachsenen. Den Kleinen servieren wir „Babyccino“ – also geschäumte Milch – Wasser, Säfte, Gebäck und auch die eine oder andere Schokomandel darf sein. Und sind sie – beispielsweise bei einer Feier – mal müde, dann schieben wir kurzerhand unsere beiden Sofa-Sessel zusammen, dass sie darauf schlafen können.
Manchmal fragen Eltern sogar: „Ich müsste noch schnell was einkaufen gehen – darf sie/er inzwischen hier bleiben“. Wenn es das Geschäftstreiben zulässt, dann übernehmen wir gerne auch mal diese Art der Aufsicht. Wir werden als „sichere Kinder-Institution“ eingestuft. Dazu die folgende Begebenheit: Eine in Wieden neu zugezogene Kundin kam mit ihrem Sohn vorbei und erklärte ihm: "Falls du dich daheim aussperrst, den Schlüssel vergessen hast oder sonst Hilfe benötigst, dann kannst du jederzeit in dieses Café. Hier bist du sicher. Die sind nett und helfen Dir." Ist das nicht schön? Und eine weitere lustige Begebenheit hat sich zugetragen, die wir intern als „Kinder-Tinder“-Geschichte bezeichnen. Da ging es um Jakob, der seines Zeichens mit Kindern sehr gut kann. Er beschäftigt sich etwas länger mit der jungen Tochter eines Gastes. Sie fragt nach einer Weile: " Sag, hast du eine Freundin?" Jakob entgegnet: "Ja“. Und fragt nach: “Warum?" Sie: "Du bist so nett. Und meine Lehrerin ist auch so nett. Und sie hat keinen Mann. Vielleicht magst du sie kennenlernen?" 😉