Kapitel 7: S – Stapeln, schleppen und schuften
Autorin: Sonja Schönberger
Fortsetzung der Festschrift - hier geht es zu Teil 6: S wie SpassEinzelhandel bedeutet räumen, tragen, schlichten
Wer schon mal im Handel tätig war, weiß: einen Großteil seiner Zeit verbringt man mit Waren bestellen, einschlichten und umräumen. Man stapelt große und kleine Paletten. Immer das jüngste Datum nach hinten. Schließlich sind Ablaufdatum und Frische ein großes Thema bei Kaffee. Denn das spannende bei diesem Lebensmittel ist:
Alle fünf bis zehn Tage frisch nach der Röstung ändert ein guter Kaffee (abhängig von seiner Arabica-/Robusta-Zusammensetzung und dem Röstgrad) seinen Geschmack. In der Verpackung. Wenn man gaumentechnisch sensorisch geschult ist, dann erkennt man das. Diese Materie ist superspannend. Man taucht ein und es eröffnet sich eine Erlebniswelt, die man von Kakao bzw. Schokolade und auch Wein kennt. Wie gesagt: “Kaffee Geek”-Wissen 😉 Gerne erzählt Matthias bei uns im Hobby-Barista-Kurs mehr darüber.
Oder wenn Jakob G. mal eine freie Minute hat, dann ist es immer wieder enorm beeindruckend, seinen sensorischen Beschreibungen zu lauschen. Manche Röstungen bieten wahre Geschmacksexplosionen von Aromen, die man nicht im ersten Schritt mit Kaffee in Verbindung bringen würde. Die aber genau das gewisse Extra bieten, warum wir dieses Produkt so sehr lieben.
Neben dem Einlesen in immer neue Anbau-, Röst-, Fermentations- und Zubereitungsmethoden bedeutet Einzelhandel jedenfalls auch viel körperliche Arbeit. Vom Anleiten (bzw. manchmal auch Entgegenlaufen) der Spedition, die die Adresse nicht findet, übers Entpacken der Paletten bis hin zum täglichen Liefer-Auto-Ein-Und-Ausräumen und dem Einschlichten in die Geschäftsregale:
Es gibt immer was zu tun. Inventur von allem am Jahresende inklusive!
Nachdem wir – anders als große Versandriesen – keine Roboterlager haben, muss bei uns vieles griffbereit gelagert sein, dass es jede/r abgreifen kann. Viele Systeme haben wir probiert, um eine übersichtliche Lagerstruktur zu haben. Heute helfen wir uns mit Metallregalen und eigenen Regal-Konstrukten, die Benjamin aus gebrauchten Euro-Paletten gebaut hat.
Neben den Bohnen und ESE-Pads, die wir verkaufen, bieten wir auch Kaffeemaschinen an. Die bedeuten mitunter die meiste körperliche Anstrengung. Denn diese Maschinen wollen ebenfalls geholt und ins Lager, dann in den Schauraum, dann zum Kunden und - bei eventuellen Reparaturen alles wieder in umgekehrter Reihenfolge - gehoben und verstaut werden.
Und wenn du denkst: „Super, alles ist da und nachgeschlichtet, nichts zu tun“, dann kommen –hoffentlich (!) – viele Kunden und kaufen die Regale leer und das ganze Spiel beginnt von vorne. Sisyphus lässt grüßen. Aber wir sind sehr dankbar dafür. Denn – im Gegensatz zu unserem früheren Sitz-Job in „Büro-Cubicles“ (Konzern-Mitarbeiter wissen, was ich meine 😉 ) – haben wir heute eine körperlich abwechslungsreiche Tätigkeit. Man ist immer in Bewegung. Und das ist gut so.
Die liebe Finanzierung
Handel bedeutet auch: Vorfinanzierung. Viele wissen das nicht, aber – gerade bei Maschinen und Kaffeekäufen – ist es handelsüblich, vor allem international, dass zuerst bezahlt wird. Erst danach wird die Ware produziert und versendet. Das heißt, dass man oft Wochen im Voraus finanzieren muss. Übersieht man diese Vorlaufzeit oder wird mal mehr gebraucht, dann können hier schon (für uns) große Beträge von mehreren Tausend Euro auf einen Schlag fällig sein. Das ist nicht immer leicht, man muss eben vorausschauend agieren.
Das gut einschätzen zu lernen, hat ein paar Jährchen gedauert. Heute können wir mit relativ hoher Trefferquote voraussagen, welche Kaffee-Palette wann zur Neige gehen wird und können entsprechend rechtzeitig nachbestellen. Zudem erhebt sich immer wieder die Frage: Nehmen wir neue Kaffees ins Sortiment? Wird das mit dem neuen Röster oder der Spedition klappen? Wie verlässlich sind sie? Ein gewisses Rest-Risiko ist immer dabei.
Natürlich kommen wir immer wieder mal in Finanzierungsengpässe. In manchen Monaten – insbesondere, wenn dann noch viele Steuer- und Sozialversicherungszahlungen zu leisten sind, kann es schon mal vorkommen, dass wir kurzfristig in Panik verfallen. Man muss dann priorisieren: Welche Bestellungen müssen unbedingt sein, was kann noch warten. Und irgendwie – auf wundersame Weise – geht es sich dann wieder aus. Oder aber – es kommen wieder Helfer in Spiel – die großzügig und unkompliziert eine Zwischenfinanzierung ermöglichen. Das ist nicht selbstverständlich und wir können gar nicht genug dankbar sein, solche Menschen zu kennen.
„Lehrgeld“ haben wir natürlich ebenso bereits gezahlt. Es gibt immer wieder mal Lieferanten oder Kunden, die einfach nicht liefern bzw. ihre Rechnung nicht begleichen oder aber auch in (Privat-) Konkurs gehen. Geht eine offene Forderung zum Inkassobüro, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass man noch was erhält, eher gering. Aber grundsätzlich dürfen wir uns nicht beklagen, wir haben eine wirklich sehr anständige Kundenbasis, die verlässlich ihre Rechnungen bezahlt. Dafür sind wir enorm dankbar.
Online Business
Die Anfrage, ob wir Kaffee auch versenden, wurde bereits relativ früh nach der Eröffnung an uns herangetragen. Rund ein halbes Jahr nach unserem Soft-Opening haben wir bereits erste Kaffee-Pakete österreichweit versendet. Entweder an Stammkunden, die etwas in den Urlaub nachgesendet brauchten, oder an Freunde und Bekannte, die in anderen Bundesländern zuhause sind und die netterweise bei uns und nicht im Supermarkt oder sonst wo kaufen wollten. Gestartet hatten wir mit einer Art „Mini-Webshop“, integriert in unsere Website www.schoenbergers.at. Aber der war grottenschlecht. Außerdem kam der Website-Anbieter mit den österreichischen Umsatzsteuerabbildungen etc. nicht wirklich zurecht. Da kam mir meine Online-Marketing-Erfahrung zugute und im zweiten Jahr der Kaffeegreissler-Existenz habe ich dann einen neuen Webshop „gebaut“ – mit Hilfe einer Software eines kleineren deutschen Anbieters, der – wie wir – in den letzten zehn Jahren gewachsen ist. Wir sind heute noch froh, diese Wahl getroffen zu haben. Aber im Laufe dieses Jahrzehnts haben wir ebenfalls gelernt, dass auch wir vor Online Betrug nicht gefeit sind. Daher bieten wir im Webshop nur noch Zahlung per Paypal, Kreditkarte, Google & Apple-Pay an. „Auf Rechnung“ gibt es leider nicht mehr…
COVID – und alles ist anders
Der Webshop hat uns im ersten COVID-Lockdown (ab März 20) - brachial ausgedrückt - regelrecht den „Arsch gerettet“. Wir durften ja in der ersten Welle nicht öffnen. Die Gesetzgebung war zwar klar für Essensausgaben, aber die reine Getränke-Ausgabe war insofern geregelt, dass sie nicht erlaubt war, und es wurde mit Pönalen gedroht. Wir wussten zwar, dass diverse Bäckerei-Ketten und auch der Fast-Food-Riese Nummer eins drauf pfiffen und dennoch Coffee-2-Go ausschenkten, aber wir waren zu ängstlich, denn diese Pönale hätte uns wirklich richtig weh getan.
So verkauften wir ausschließlich Bohnen. Es gab einen enormen Umsatzeinbruch, denn nur wenige Kunden trauten sich, über die Gasse zu kaufen. Da kam uns ein genialer Aufruf von Nunu Kaller zu Hilfe. Sie erklärte sich bereit, ihre Website allen Kleinanbietern als „Verkaufsportal“ zur Verfügung zu stellen. Man konnte dort einen Link zu seinem Online-Shop speichern. Extrem großzügig! Bis heute sind wir Nunu dankbar für ihre tolle Initiative. Sie verfügt über ein großes Netzwerk und viele Leute lasen darüber und bestellten. Wir machten mit und verlinkten unseren www.kaffeegreissler.at. So hatten wir einige feine Bestellungen und was zu tun. Auch unsere Mitarbeiter waren dankbar. Auf diese Weise konnten sie – in Schichtbetrieben (man durfte sich ja nicht begegnen) – die Bestellungen abarbeiten und versenden. Man konnte raus aus den vier Wänden und was tun. Für einige war das wirklich eine mentale Rettung – sie wären sonst daheim die Wände hochgegangen.
Gerade in dieser Zeit hat sich die österreichische Post als unglaublich zuverlässiger Partner erwiesen. Bis heute sind wir ihr daher treu geblieben und versenden unsere Webshop-Pakete mit der Post. Inzwischen kommt täglich ein „Abholer“ zu uns und bringt guten Kaffee auf den Weg. Mit manchen treuen Tour-Fahrern hat sich im Laufe der Jahre eine enge Bekanntschaft ergeben. Erfahrungen und beste Routen wurden und werden ausgetauscht, Tipps für Verpackung und Transport gegeben und mit großen Fuhren geholfen und natürlich auch die eine oder andere lustige Begebenheit geteilt. Den Claim „Die Post bringt allen was“ haben wir für unsere Situation abgewandelt. Es heißt bei uns „Die Post bringt allen Sinnen was.“ Der Blick rechts aufs Foto verrät mehr 😉
Zurück zu unserer Webshop-Klientel: Einige haben zu COVID-Zeiten den Online-Weg zu uns gefunden. Manche bestellen seitdem regelmäßig und sind zu Stammkunden geworden. Wir lieben sie – können gar nicht genug DANKE sagen! Daher senden wir sehr treuen Kunden, die große Mengen abnehmen, immer wieder mal ein kleines Dankeschön in Form eines Produkt-Geschenks oder Proben. Viele hatten ja damals Home-Office. Zu Hause fehlte oft die Kaffeemaschine oder Bohnen, da man meist bei der Arbeit den Kaffee trank. In dieser Zeit haben wir einige kleine ESE-Pad-Maschinen versendet und damit den bis dahin etwas in Vergessenheit geratenen Cialde zu einem gewissen Bekanntheitsgrad verholfen. Diese Kaffee-Papier-Kapseln wurden von Illy in den 1970er Jahren als „offenes System“ erfunden, d.h. alle Röstereien können das System nutzen. Heute spricht man von ESE-Pads oder -Pods (die Abkürzung steht für Easy Serving Espresso). Die vorportionierten Cialde sind durch die Papier-Ummantelung wesentlich umweltfreundlicher als die heute bekannten Kunststoff- oder Aluminiumkapseln. Das finden wir sympathisch und preisen daher das ESE-System gerne an. Unserer Meinung nach soll alles, was die Umwelt schont, gefördert werden. Außerdem: Es schmeckt, denn es ist echter Kaffee enthalten. Was will man mehr?
Keine 5-Jahres-Feier – aber Sprüche wurden dennoch geklopft
Natürlich fiel auch die groß geplante 5-Jahresfeier unseres Kaffeegreissler-Cafés ins Wasser. Virusbedingt waren dann in den Folgejahren große Versammlungen immer wieder verboten. Später folgten jährlich zur schönen Jahreszeit große Baustellen – interne (unsere jährliche Tradition) sowie externe der Stadt Wien.
Schließlich beschlossen wir irgendwann, es vorerst mit den Geburtstagsfeiern sein zu lassen und einfach bei einer 10-Jahresfeier alles nachzuholen.
In der Zwischenzeit haben wir uns mit einem kleinen Booklet belohnt, das eine Sammlung der bis zum 5. Jahrestag beliebtesten Sprüche unserer „Social Wall“ beinhaltet. Noch heute blättern wir und unsere Gäste es ab und zu feierlich durch – begleitet von mindestens einem Schmunzeln.
Ab dem zweiten COVID-Lockdown verkaufen wir über die Gasse!
Ab dem zweiten Lockdown (ab November 2020) war es dann ohne Pönale erlaubt, Getränke zum Mitnehmen auszuschenken. Und das ließen wir uns nicht zweimal sagen. Schließlich wollte unser Team beschäftigt sein und nicht sinnlos zu Hause herumsitzen. Unsere Kunden schätzten es, aus ihren vier Wänden rauszukommen und eine kleine Kaffee-Pause einzulegen – wenn auch manchmal unter den widrigsten Bedingungen.
Sie kamen teilweise täglich, um ihren Espresso zu holen. Bei Wind und Wetter – zwischendurch war es wirklich kalt! Man durfte ja weder hinein, noch draußen sitzenbleiben. Wir bauten eine Art „To-Go-Theke“ und viele Kunden, die ab der 2. Covid-Welle bei uns Kaffee getrunken haben, sind zu treuen Stammkunden geworden. Teilweise bedanken sie sich heute noch dafür, dass wir da waren. Als eine Art „tägliches Highlight“. Wir sind bis heute unendlich dankbar dafür, dass sie uns so wunderbar unterstützt haben. So hatten wir alle was davon: Beschäftigung, Abwechslung und Kaffeegenuss.
Ich kann mich gut erinnern, dass manche ihren Kaffee mitnahmen und ihn dann – mit „Baby-Elefanten“-Abstand stehend - an irgendwelchen Strom-Säulen oder Parkbänken in der Nähe konsumierten, nur um etwas an der frischen Luft zu sein. Wir hatten eine Nahversorger-„Fernbeziehung“ sozusagen.
Unsere Gäste und wir haben im Zuge der vielen Lockdowns, die es gab, ja einiges an Gastro-Reglements mitgemacht: 15 Minuten-Regel (da hatten wir beispielsweise Eier-Uhren in Maikäfer- Form, die pro Gast gestellt waren), später Registrierung bei längerem Aufenthalt, Herzeigen & Dokumentation des Impfzertifikats, 1m-Abstand Regel im Lokal etc.
Denkt man heute daran, hat es einen „unwirklichen“ Schleier. Als ob man diese Zeit geträumt hätte oder man sich schemenhaft an eine Geschichte erinnert, die einem die Großeltern von früher erzählten.
Saisonal zieht heute sicher die eine oder andere COVID-Welle durchs Café. Dann sind wir alle wieder mal der Reihe nach – trotz Impfung – einige Tage außer Gefecht. Aber: dass tatsächlich alles geschlossen ist, man nur aus dem Fenster heraus bedient - das ist gefühlte Jahrzehnte entfernt. Gott sei Dank muss man sagen! Unglaublich, was die Wissenschaft und Medizin in dieser kurzen Zeit geleistet haben. Wir leben hier in Österreich einfach in einem gelobten Land. Auch wenn man es zwischendurch immer wieder mal ob der Absurditäten und Kasperl-Einlagen diverser Politiker vergisst. Obwohl die Zeiten unsicher sind, alles teurer und weniger sozial und heißer wird. Ist es nicht alles in allem unglaublich, wie privilegiert wir hier sind? Täglich hast du wie selbstverständlich zu essen, mit großer Wahrscheinlichkeit eine geheizte Wohnung und fließend Wasser in einer Qualität, die du weltweit suchen musst. Auch solche Themen werden hier im Kaffeegreissler-Café stammtischartig besprochen. Wir und ein Großteil unserer Kunden sind uns im Klaren, dass es ein Riesenglück ist, wenn man in Österreich geboren wird und/oder hier leben kann.
Eine Welle der großen Dankbarkeit durchströmt uns mehrmals wöchentlich: Tolle Menschen hier, tolles Lokal, tolle Umgebung, eine tolle Lebenssituation. Und natürlich: toller Kaffee! 😉 Es ist die beste Ausgangsposition, um gleichermaßen gute Momente innig genießen, aber auch schwierige Situationen meistern zu können. Was will man mehr vom Leben?
Im Hamsterrad
Selbständige wissen es: Mit der Entscheidung, sein eigener Herr/Frau zu sein, hat man plötzlich viele Rollen. Vom Einkäufer über Geschäftsführer und „Finanzminister“ hin zu Kundenbetreuer und Buchhalter bis zur Werbung oder auch Putzerei & Wäscherei: Man ist alles.
Viele haben ja diese besagte Traumvorstellung eines „kleinen Cafés“. Man sieht sich dort, selbständig und unabhängig von Arbeitgebern, kleine Speisen und gute Getränke zuzubereiten, und nett mit Gästen plaudern. Oft gibt es solche schönen Momente. Aber: Kaum jemand denkt dabei an die Rundum-Betreuung von Lieferanten, Kunden oder vom Lokal selbst. Kommt dann noch ein technisches Gebrechen dazwischen, dann priorisiert du neu, egal was für diesen Tag geplant war. Flexibilität ist dein ständiger Begleiter. Ist OK, sonst wär es ja fad 😉
Putzen ist bei uns ein großes Thema. Wir verbringen viel Zeit damit. Vor allem, wenn es um das Innere der Kaffeemaschinen und der Mühlen geht. Wir legen enormen Wert auf Kaffeequalität und daher muss das fade Putzen einfach sein. Am Abend, wenn wir sperren, hat die/der letzte Diensthabende die Aufgabe, alles – insbesondere aber die Maschinen - gewissenhaft zu reinigen. Das dauert. Aber: Man schmeckt den Unterschied. Allerdings müssen schon 20 - 30 Minuten rein für die Kaffeemaschinen-Hygiene einkalkuliert werden. Der Müll ist dann noch nicht rausgetragen, auch der Boden nicht gewischt oder das Geschirr nicht fertig gewaschen. Danach werden noch die Ware nachgeschlichtet und der Kühlschrank nachbefüllt. Und natürlich muss Kassa gemacht werden. Das kommt alles on top, nach Sperrstunde. Wir schließen um 17.00 Uhr. Die/der letzte Mitarbeiter/in geht aber kaum vor 19.00 Uhr heim. Denn die erste Person, die morgens aufsperrt, soll gleich losstarten können, ohne die Spuren des Vortages wegräumen zu müssen. Schließlich haben unsere Kunden es morgens besonders eilig, rasch einen Espresso oder Coffee-2-Go mitzunehmen. Und das zurecht! Auch rundherum ist immer viel zu tun:
· Laufend geht was kaputt: Beinah täglich brechen ein paar Gläser oder Tassen, manchmal auch „Großes“ wie Wasserleitungen, die Internet-Verbindung oder die daran „hängende“ Kassa. Auch „spinnt“ der Beleg-Drucker zwischendurch. Wenn der Geschirrspüler oder die WC-Brille den Geist aufgeben, dann braucht es rasch Abhilfe.
· gehen die Waren oder die Wäsche aus, wird Patrick verständigt,
· eskaliert ein Kunde etwas – ein Produkt, oder mangelnde Aufmerksamkeit oder
· kommen Speditionen zu einer anderen Zeit oder an einem anderen Tag als vereinbart. Dann führt das schon mal dazu, dass der/die Diensthabende einen Stammgast – der/die hoffentlich gerade da ist – bittet, kurz aufs Lokal „aufzupassen“. Dann läuft man mit dem Lieferanten rasch ins Lager und verstaut die Ware. Danach eilt man schnellen Schrittes wieder zurück ins Café und es geht weiter im Hamsterrad 😉.
· Unangekündigtes Kommen trifft auch für behördliche Checks zu: Marktamt und Arbeitsinspektorat kommen unangemeldet. Das ist OK – aber du musst als Eigentümer bzw. Betreiber anzutreffen sein. Bist Du gerade bei einem Kunden vor Ort oder bei einem Lieferanten, Waren abholen, dann kann es tatsächlich vorkommen, dass die Mitarbeiter „Troubles“ bekommen, da sie nicht als Vertretung gelten.
In solchen Situation vermisst man dann doch die ehemals gewohnte Konzern-Struktur früherer Jobs. Denn ein behördlich anerkannter Vertreter oder eine Abteilung, die dir so was abnehmen kann, wär dann Gold wert.
Ich will nicht „herumsudern“, nur feststellen: Kein Vorteil ohne Nachteil. Selbstständige müssen halt selbst ran. Wenn du es nicht machst, macht oder darf es - in manchen Fällen - sonst keiner machen. Lässt du was liegen, dann fällt dir das spätestens beim nächsten Bescheid, der nächsten Kundenbestellung oder auch bei der Beleg-Sortierung für die Buchhaltung auf den eigenen Kopf. Man verbringt dann Wochenenden oder Nächte damit, Versäumtes nachzuholen, um wieder Übersicht und Ordnung Einzug halten zu lassen und halbwegs auf Gleich zu kommen.
Heute bekommen wir manchmal die Anfrage, künftigen Lokalbesitzern ein bisschen etwas zu erzählen bzw. Tipps zu geben: Viele sind da immer wieder erstaunt, worauf man alles achten bzw. denken muss als Laden- bzw. Café-Betreiber. Wir teilen gerne unsere Erfahrungen. Denn uns wurde auch viel geholfen. Schlussendlich muss aber jede/r selbst für sich draufkommen, wie man arbeiten bzw. sein Geschäft führen möchte. Dazu passt eine kleine Geschichte, die das Engagement bestätigt:
Viele Jahre waren wir für einige Bäcker „zu klein“, um beliefert zu werden. Das heißt, der/die Erste, der/die Frühdienst hatte, fuhr TÄGLICH vor Dienstantritt noch beim Bäcker vorbei, um das Gebäck für unsere Gäste abzuholen. Der Dienst begann also lange vor dem Aufsperren um 8.00 Uhr! Das kann an manchen Tagen wirklich hart sein. Was uns zur Bewältigung solcher Hamsterrad-Situationen seit jeher hilft ist, es als Teil des Dienstes am Kunden sowie als eine Art Hobby zu sehen. Du darfst das machen, was du dir immer selbst erträumt hast. Dieses Mantra hilft enorm in solchen Situationen 😉
Das liebe Lager
Gerade als wir nach COVID wieder in einen guten Trott kamen und dachten „Super, jetzt genießen wir mal die Zeit ohne schlimme Überraschungen“, erreicht uns die Hiobsbotschaft, dass wir aus dem Lager raus müssen. Gekoppelt mit einer zweiten Hiobsbotschaft: Innerhalb von
14 Tagen sollen wir raus.
Voll panischer Motivation machen wir uns ans Herumfragen, Telefonieren und Schauen, ob irgendwo im vierten Bezirk in der Nähe des Kaffeegreissler-Cafés ein alternativer Lagerplatz zu bekommen sei. Ca. 120 m2 Platz würden wir brauchen, denn es gibt ja einiges an Kaffeepaletten sowie eine Packstation für den Webshop, die untergebracht werden und jederzeit zugänglich sein wollen.
Nach nur fünf Tagen haben wir Glück und finden ein Ersatzlager. Pferdefuß: Es ist im Keller, hat nur 70 m2 und wir müssen rund 8 Minuten vom Kaffeegreissler-Café hierherlaufen. Damit ist klar: wir brauchen möglichst schnell
a) ein weiteres Lager und
b) mittelfristig einen Ersatz für dieses teure Lager.
Aber fürs Erste schlagen wir zu, denn es tut sich keine nähere Option auf.
Wenn die Post die Pakete abholt, Speditionen liefern oder wir dringend „ausgegangene“ Waren benötigen, müssen Kunden und Lieferanten nun etwas länger warten als bisher. Und wir kommen locker auf unsere 10.000 Schritte täglich 😉
Dann machen wir uns ans Packen. Wir aktivieren wieder unser Netzwerk und rasch haben wir eine Umsiedlungsfirma, die auch so kurz vor Weihnachten Zeit für uns hat.
Alle, die schon mal gesiedelt sind, wissen: Beim Siedeln bemerkt man erst, was sich im Laufe der Zeit an sinnvollen und weniger sinnvollen Dingen angesammelt hat. Alles Mögliche wird aufgehoben, „weil man es später sicher noch brauchen kann“. Und wenn man Platz hat, hebt man sowieso immer mehr auf als nötig. So luxuriös wie in diesem neuen Keller-Lager haben wir noch nie gelagert. Ja teilweise nicht mal gewohnt 😉. Alles ist komplett neu. Von „preiswert“ kann man nicht wirklich sprechen - schließlich sind Lagerplätze in Innenstadtnähe eine Kategorie für sich. Wir bleiben also am Ball und fragen weiter herum. Viele sind auskunftsbereit: die Nachbarschaft, Freunde, neugewonnene Stammgäste und unser bewährtes Netzwerk halten weiterhin dankenswerterweise ihre Ohren und Augen offen für uns.
Nur ein paar Tage später finden wir ein zweites kleines Lager – rund 60 m2! Im gegenüber-liegenden „Philharmonikerhaus“ (wie wir es nennen) ist es in Sichtnähe vom Café. Zusätzlich bietet es Platz für ein winziges „Büro“. Aber es muss renoviert werden. Es gibt so gut wie keinen Strom. Weitere „Kleinigkeiten“ wie Regale, Licht, Heizung und ein Internet-Anschluss müssen organisiert werden.
Plus: Der Webshop will auch während einer Siedelei betreut werden, sprich: Die Ware muss jederzeit abgreifbar sein. Das stellt uns vor die eine oder andere Herausforderung 😉.
Wir telefonieren wieder ein paar runden und haben bald einen Elektriker sowie Maler, die sich bereit erklären, innerhalb von 10 Tagen alles so weit in Schuss zu bringen, dass wir gleich im Anschluss siedeln und einräumen können.
Bis heute ist dieses „kleine“ Lager unser „Hub“. Wir lieben es und nutzen es als „Hand-Lager“.
Im Nachhinein ist klar: Das Siedeln des Lagers war eine wirklich überfordernde Zeit. An die Tage im Dezember können wir uns nur sehr vage erinnern. Es war viel zu tun: Überlegen, was kann weg, was geht mit, wo kommt was hin. Dann ein- und wieder auspacken und das mitten im Weihnachtsgeschäft. Diese Saison trägt mit ihrem Umsatz enorm zum Überleben unseres Geschäfts bei. Es „dahinplätschern“ zu lassen, ohne es aktiv zu gestalten, ist keine Option. Kundenberatung steht absolut im Vordergrund.
Manche Kunden haben sich in diesem Advent sicherlich über unsere relative kurze Beratungszeit gewundert. Wir hatten ein angespanntes Nervenkostüm, wenig Muße. Im Kopf drehte sich alles darum, die Lagerware ins Trockene bzw. Warme zu bringen. Denn man muss wissen: Kaffee und Kaffeemaschinen halten viel aus: Aber Frost ist ein absolutes NO-GO. Beide haben‘s gern warm - so wie wir auch 😉
Dann: Weihnachten. Wir lassen die ersten Feiertage vorübergehen und nutzen die Zeit, um uns etwas zu erholen. Wenn man in einer Ehe gemeinsam arbeitet und dann einer solchen stressigen Situation ausgesetzt ist, bleibt vieles unbesprochen und wenig Zeit für die Partnerschaft. Jedenfalls taten uns diese paar freien Tage zum Jahreswechsel gut. Endlich wieder Zeit für einen kleinen Spaziergang außerhalb des 4. Bezirks 😉, in Ruhe gemeinsam essen oder faulenzen. Und – man glaubt es kaum – wir tranken auch Kaffee in einem anderen Café als unserem! Es ist schön, einfach nur Gast zu sein. Beispielsweise in einem der guten neuen Coffee-Shops, von denen es ja auch in Wien mehr und mehr gibt. Dort braucht man sich nicht vor schlechtem Kaffee fürchten, sondern kann wirklich die freie Zeit genießen. Nach Jahreswechsel beginnt das kleine Hamsterrad wieder anzulaufen und wir sind höchst motiviert. Aufträge kommen rein, die Ware ist gut geschlichtet und im Trockenen. Wir und unsere Kunden haben die „Winterdepression“ gut überstanden und neue Ideen sprudeln nur so rein.
Laufende Lager-Besichtigungen ergänzen weiterhin unseren Kalender.
Wie oben erwähnt: aufgrund des hohen Preises des neuen Keller-Lagers suchen wir weiter nach Alternativen. Und tatsächlich wird im Sommer dann – viele Besichtigungen später – unsere Geduld und Sucherei belohnt. Eine Hausbesitzerin auf der Wieden bringt uns auf die Idee, doch mal in der benachbarten Rainer-Garage zu fragen. Und ja, die liebe Kathrin hat tatsächlich was frei und wir können einziehen. Ein Jahr darauf, 2024 – in dem die Wiedner Hauptstraße eine riesige Renovierung bezüglich Straßenbahnschienen und Radfahrweg durchmacht – sind wir noch dankbarer. Denn mit dem alten Lager wäre das nur äußerst mühsam bewältigbar gewesen: Speditionsanlieferung und Postabholungen bei abgesperrter Straße hätte uns enorm viele Umwege und viele Fußmärsche mit unseren Rollwagerl eingebracht. Rückenschonung sieht anders aus! Wir sind also selig ob der neuen Lager-Situation, direkt in Sicht- und Geh-Nähe. Bis heute. Was uns da alles erspart blieb! Im Nachhinein müssen wir uns eingestehen, dass diese Siedlungswahnsinns-Serie im Endeffekt von Vorteil für uns war. Die paar Nerven und schlaflosen Nächte, die wir da auf der Straße gelassen haben, sind längst vergessen. Und hoffen, dass diese jetzt für uns wunderbare Lager-Situation ein Weilchen hält, bis der nächste Mietvertrag abläuft und wir wieder siedeln müssen. Einer von Patricks Lieblingssprüchen traf es auf den Kopf: „Alles wird gut!“
Paketshop-Feeling
Zum Thema Lager gibt es auch eine andere Sache, die in den letzten Jahren zugenommen hat. Da wir wochentags von 8.00 – 17.00 Uhr geöffnet haben, verwenden uns so manche Nachbarn als ihre private Lager- und Postannahme-Stelle. Manche ungefragt. Das finden wir – gelinde gesagt – dreist. Wenn jemand vorab Bescheid sagt bzw. fragt, ob es möglich ist, ein Paket anzunehmen: kein Problem! Aber uns einfach etwas schicken zu lassen, weil wir ohnehin den ganzen Tag geöffnet haben, finden wir grenzüberschreitend. Es gebietet die Höflichkeit, zumindest Bescheid zu sagen. Stichwort: gute Kinderstube.
Eine witzige Komponente: Auch für sämtliche DPD, DHL, Hermes, Fedex und andere Zustellservices, sind wir eine Art Auskunftsbüro geworden. Trifft der Zusteller im Grätzel die Person nicht an, die er sucht, fragt man mal bei uns, ob wir wissen, wo diese oder jene Adresse sei. Also auch hier kommt wiederum der Nahversorger-Gedanke ins Spiel.
Jedenfalls sind wir im Platz begrenzt: Unser Kaffeegreissler-Café ist winzigst. Oft haben wir nicht mal genug Platz für die eigene Ware und dann stehen plötzlich Paketdienste für Nachbarn im Haus da und fragen, ob sie ein Rad, eine Teppichlieferung, ein Hometrainer oder sonstige Ungetüm-Pakete, bei uns zwischenparken können. Es geht nicht nur uns so. Das Paket-Abgabe-Phänomen hat beispielsweise schon dazu geführt, dass einer unserer Geschäftsnachbarn überhaupt keine Pakete mehr für Privatpersonen aus der Nachbarschaft annimmt. Auch nicht, wenn sie direkt vom Haus sind. Weil er es satt hat, den Menschen später nachzulaufen, bis sie ihre Pakete holen. Ist verständlich und nachvollziehbar! Vielleicht führen wir das ebenfalls bald ein. Bis dato haben wir uns immer breitschlagen lassen.
Passend zu unserer räumlichen Winzigkeit gibt es allerdings auch amüsante Geschichten. Eine, die sich gleich im ersten Jahr nach der Öffnung zugetragen hat, ist uns gut in Erinnerung geblieben. Damals war gerade eine neue Dating-Plattform enorm im Trend. Zu dieser Zeit war es Mittags und am späten Nachmittag noch recht ruhig bei uns im Kaffeegreissler-Café – die Leute waren mit anderen Dingen beschäftigt, waren essen oder arbeiten.
So kam es, dass wir für ein paar Tinder-Nutzer als „Erstkontakt“-Location entdeckt wurden. Man konnte sein Gegenüber in Ruhe kennenlernen, denn der Nachbartisch war leer. Das führte teilweise zu absurden Situationen und wir haben uns mehr als einmal in die Küche „verzogen“, um nicht stiller Beobachter bzw. Zuhörer des teilweise recht regen Liebeswerbens zu werden. Man ist grundsätzlich interessiert an Gästen – aber man will wirklich nicht alles wissen. Mir fällt es einfach wesentlich leichter, Respekt zu bewahren, wenn ich nicht alle erotischen Vorlieben eines Kunden bis ins Detail erzählt bekomme. Schließlich hat das „Cafétier-Sein“ auch irgendwo seine Grenzen. Wir haben uns bewusst für ein Tagesgeschäft entschieden und dem sind wir treu. 😉
Lange Rede, kurzer Sinn: Das „Schönbergers“ sprach sich offenbar in der Szene herum. Und mehr als einmal kamen in dieser Zeit Gäste rein und fragen: „Geht es da ins Hinterzimmer?“. Sie waren der Meinung, dass vorne nur Fassade sei und das wirkliche Leben sich in Hinterzimmern abspielt. So manche ließen sich nicht aufhalten, passierten die Theke, gingen flotten Schrittes durch unsere Küche und standen dann hinten beim Lichthoffenster neben der Personal-Toilette an. Große Enttäuschung für die vermeintlichen Gäste: Es ging tatsächlich nicht weiter. Für uns: Gelächter.
Nachdem sich zeitgleich in den USA Trump zum ersten Mal mit seinem Begriff der Fake-News lächerlich macht, meinte Freund Konrad eines Abends: Lasst uns die alten 3D-Naber-Buchstaben so arrangieren, dass das Lokal zur FAKE BAR wird. Die Inspiration dazu kam auch von einem kleinen Preisausschreiben, das wir veranstalteten.
Wir baten unsere Gäste nach Wort-Kreationen aus dem Schriftzug „Naber Kaffee“. Später irgendwann wurde aus der „Fake Bar“ wieder die „Kaffee Bar“.