Kapitel 5/8: E – Eine/r für alle, alle für eine/n -> Team

Autorin: Sonja Schönberger
Forstsetzung der Festschrift - hier geht’s zu Teil 4: Recherche, Räumen und Rumoren ...

2015: Das Team wächst

Zeitsprung zurück: Wir schreiben das Jahr 2015 und es gibt viel zu tun. Zum Glück! Das bedeutet, wir brauchen Mitarbeiter. Wir fragen also im Freundes- und Bekanntenkreis, ob jemand jemanden weiß, der Ahnung von Gastronomie oder Verkauf hat und 20 - 30 Wochenstunden in unserem Kaffeegreissler-Café arbeiten möchte.

Mike – ein ehemaliger Arbeitskollege aus Mobilfunk-Zeiten – erklärt sich spontan bereit, uns zu unterstützen. Damit sind Matthias, Jakob und Patrick vorerst etwas entlastet.

Jakob O. bringt uns Sophie, die wir kennen und sofort schätzen lernen, da sie umwerfendes Mandelgebäck für uns bäckt. Ein paar Monate später steigt auch sie Teilzeit ein und übernimmt ab da nicht nur Schichten im Café, sondern auch administrative Tätigkeiten. Plus: Sie kommuniziert mit allen, bringt dadurch viel Transparenz und Klarheit rein und auch praktische Ideen sind ihre Stärken.

Dann kommt ein Tipp von Uschi - Matthias‘ Mutter: Jakob G., der Sohn von Uschis Freundin Birgit, hat eine Gastro-Ausbildung und könnte eventuell rasch anfangen. Er kommt, spricht mit Patrick und die beiden werden sich gleich einig: Er fängt an! Nun haben wir also zwei Jakobs im Team. Das führt teilweise zu Verwechslungen. Aber wir helfen uns mit Spitznamen: „Schlick“ und „Gumpi“ – beide klingen weit nicht so nett wie tatsächlich gemeint, aber sie schaffen Klarheit 😉.

Jakob G. macht es möglich, auf Profi-Betrieb umzustellen. Die sogenannte Soft-Opening-Phase gilt als beendet. Er weiß alles! Und das in seinen jungen Jahren! Ob Sensorik, ob Gastro-Kalkulation, ob Warenbestellung, physikalische & chemische Prozesse, rasches Arbeiten und Hygiene: Er ist ab sofort der „Gott an der Kaffeemaschine“ 😉 und alle scharen sich um ihn, um zu lernen.

Bis heute ist Jakob G. in unserem Team DIE Referenz, wenn jemand eine Speise, einen Kaffee oder Cocktail zubereiten will. Egal, ob daheim oder im Café: Jakob G. wird gefragt und weiß wirklich jedes Rezept und für jede Zubereitungsart die beste Lösung. Er ist auch ungeschlagen in seinem Arbeitstempo. Manchmal hat man den Eindruck, er überholt sich selbst. Aber das sieht nur so aus: Er behält stets den Überblick. Auch bei mehreren Bällen in der Luft. Das rührt wahrscheinlich aus seiner zweiten Leidenschaft: dem Fußball. Keiner ist so flink, agil und taktisch unterwegs wie er! Auch als es eng wird mit dem Zweier-Schichtdienst hat er die zündende Idee:

Wir arbeiten ab sofort in 3er Schichten. Sprich: eine/r startet. Spätestens um 9 Uhr kommt die zweite Person und mittags wechselt dann der/die Dritte ein, um die erste Schicht schließlich abzulösen. Das nimmt enormen Stress aus der Truppe. Denn unsere Produkte sind manchmal beratungsintensiv: Wir verkaufen ja nicht den einfachen Espresso über die Theke, sondern Spezialitätenkaffee. Auch so mancher unserer Kunden möchte intensiv beraten werden. Das braucht natürlich Zeit und Muße. Muss man dazwischen noch Kaffee in guter Qualität zubereiten oder ESE-Pads runterzählen, kommt man schon mal ins Schwitzen. Schließlich haben Kunden es meist eilig.

Über unseren befreundeten Fotografen Philipp lernen wir Benjamin kennen und seitdem ist er ein treuer Begleiter – insbesondere in Sachen Bürokaffee. Er liefert Bohnen und Maschinen, aktiviert sie und repariert sie notfalls auch. Netterweise agiert er als unser „Haus- und Hof-Fotograf“ und Kameramann. Benjamin hat Grafik- und Bildsprache gelernt und das sieht man auch: Jedes Video, das er dreht, und jedes Foto, das er macht, gefällt.

Netterweise schmeißt er sich auch beim noch so schlimmsten Stau auf die Straßen und liefert Waren an Kunden bzw. holt und bringt sie unseren Kooperationspartner. Zusätzlich baut er Paletten-Regale so gekonnt wie sonst keiner 😉.

Auf der Job-Plattform WISR finden wir dann Gerhard, der sich bereit erklärt, als gelernter Elektriker Reparaturen von Kaffeemaschinen zu übernehmen. Schließlich findet auch Hüriye zu uns, die drei Mal die Woche frühmorgens den Laden putzt. Denn es gibt hier viel Staub auf der Wiedner Hauptstraße, nicht nur, wenn Baustelle ist!

Damit sind wir vorerst mal komplett. Unsere Fluktuationsrate ist Gott-sei‘s-gedankt niedrig. Dafür bekommen wir den einen oder anderen „Neid-Kommentar“ von anderen Gastronomiebetrieben. 😉 In all den Jahren ist das Team stabil geblieben. Dafür sind wir enorm dankbar!

Im Laufe der Zeit hat die Arbeit weiter zugenommen. Als Jakob O. und Mike andere Wege gehen, kommen Sina und Laura und die beiden begleiten uns ein kleines Stück des Weges. Sina bereichert uns neben ihrer Barista-Tätigkeit mit diversen Theater-Abenden und tollen Partys, die alle lieben.
Schließlich kommt auch Janis zu uns, um studienbegleitend zu bleiben. Er schreibt uns ein extrem professionelles Bewerbungsschreiben und fügt Fotos von Latte Art bei, die uns bis heute beeindruckt. Er hat es einfach im Handgelenk. Schnell wird klar warum: Er kann wirklich jonglieren! Denn Jonglieren ist in seiner Familie Tradition. Und Janis lässt sie würdig weiterleben.
Über Jakob findet 2021 Hero zu uns. Er musste seine Weltreise abbrechen, denn COVID lässt nach wie vor keine bis wenig Flüge zu. Wir sind froh, dass er bei uns zwischenlandet. Hero erklärt sich bereit, Gerhard bei den Reparaturen zu unterstützen. Schließlich ist er aber auch im Paketversand und bei allen möglichen Lieferungen, Besorgungen und Lager-Aktivitäten nicht mehr wegzudenken.

2023 kommt dann ein erster großer Umbruch im Team:

Sophie und Hero ziehen weiter, gehen die logischen Wege, ihrer Ausbildung entsprechend. Gerhard geht in Pension. Patrick und ich haben uns lange vorher für diesen Zeitpunkt mental gewappnet, denn wir wussten ja immer, dass die meisten auf „der Durchreise“ sind. Alle Crew-Mitglieder sind jung, viele finanzieren sich mit der Tätigkeit hier eine Ausbildung – sie arbeiten sozusagen „nebenbei“ bei uns. Das heißt, wir müssen uns gedanklich damit anfreunden, die eine oder den anderen bald wieder ziehen zu lassen. Schließlich will man der Jugend nicht im Wege stehen. Alle sollen sich entwickeln können. Wir kennen das ja aus unseren früheren Jobs: Haben uns selbst auch stets weiterentwickelt.

Wenn es dann aber so weit ist, kommt es dennoch unerwartet. Es herrscht ein bisschen Wehmut bei gleichzeitiger Aufbruchsstimmung. Mit Netti und Orsi kommt tolle Frauenpower ins Team. Beide erklären sich bereit, in unseren selbsternannten Wahnsinn einzusteigen. Maris macht das Team komplett. Netti bringt ihr Kaffeewissen, ihre umfassende Gastro-Erfahrung sowie schier nie enden wollende Energie ein 😉. Orsi und Maris bringen insbesondere mehr Internationalität herein: Orsi spricht Ungarisch und perfektes Englisch und kann enorm gut mit Menschen. Maris kann sich mit unseren spanischen, russischen und ukrainischen Gästen in deren Muttersprache unterhalten. Er schlüpft nahtlos in Gerhards Rolle für Kaffeemaschinen-Reparaturen und hat sie seitdem auf das übernächste Level gehoben - er repariert wie kein anderer!

Das ist nun also das Dream-Team, das für uns für absolute Kaffeepassion steht. Eine lustige Truppe, mit viel Kaffeewissen und gleichzeitig jederzeit offen für guten Schabernack. Wir sind einfach nur froh, dass sich alle so zusammengefunden haben - besser geht’s nicht!

Arbeit mit Familienanschluss

Im Laufe der inzwischen zehn Jahre „Schönbergers Kaffeegreissler“ zeigte sich, dass Patrick ein „gutes Händchen“ für die Team-Zusammenstellung hat. Auch wenn Patrick manchmal etwas chaotisch mit seinen Arbeitsanweisungen ist, arbeitet man gern mit ihm und miteinander. Es gibt eine Form der Basisdemokratie: Jede/r kann sich einbringen und wird gehört. Großteils garantiert er ein Maß an Flexibilität und Toleranz, die man bei anderen Arbeitgebern nicht findet. Spaß inklusive.

Man verbringt gerne Zeit miteinander. Es ist ein bisschen wie zu Hause im Wohnzimmer bei einer Feier: Alle treffen sich in der Küche. Da kann es schon mal passieren, dass mancher Kunde irritiert die Augenbrauen hochzieht, weil er/sie kurz warten muss, bis die kurze „Party“ sich auflöst. Fällt es uns auf, dann entschuldigen wir uns. Meist haben Kunden viel Verständnis für den geselligen Austausch. Sie haben’s schließlich auch gerne unterhaltsam. Und genau das macht diesen Team-Zusammenhalt so besonders. Das kann man nicht „anordnen“. Das entsteht, weil alle so offen sind einander toll ergänzen. Und, weil Patrick diesen Flow ermöglicht und zulässt.

Nichts für Klaustrophobiker!
Wir haben vieles, aber Platz haben wir kaum. Das heißt, jede/r, der/die bei uns arbeitet, muss sich früher oder später damit anfreunden, dass man engstens aufeinander trifft. Rückzugsort? Kennen wir nicht. Dafür lässt die Kaffeeschenke keinen Raum. Kaum sind drei Leute hinter der Theke, steht mindestens einer im Weg. Die örtlichen Gegebenheiten und auch die denkmalgeschützten Vorlagen legen so manches fix fest: Wo die Kaffeemaschine steht, wo die Spüle ist, wie die Theke läuft. Das alles darf – und soll unserer Meinung nach – auch nicht geändert werden. Schließlich ist das DAS KAFFEEGREISSLER-Café - ein Kunstwerk! Man passt sich also an. Es ist wie in einer Großfamilie. Beobachtet man das Verhalten, dann tut sich wahrscheinlich Jakob G. am leichtesten mit dieser Enge. Schließlich weiß er vom Fußball, was es bedeutet, sich auf engstem Raum mit Mitspielern zu arrangieren und gleichzeitig den Ball in Bewegung zu halten … 😉 Das unglaublich Tolle an dieser Dynamik ist: alle machen mit. Man knurrt nicht ob des engen Platzes, sondern arbeitet mit den Gegebenheiten.

Verantwortung & Engagement
Wenn es mal dick kommt (beispielsweise bei Krankheit, Schäden oder eventuellem Terminchaos), springt sofort eine Art „Hilfsnotdienst“ an. Jedes Team-Mitglied, das in Wien ist, bietet an, wann er/sie aushelfen könnte. Ein echter Team-Spirit. Das ist Goldes wert! Und laut Erzählungen von befreundeten Geschäftstreibenden nicht unbedingt typisch für Handels- bzw. Gastro-Konstellationen.

Wir haben Glück: Dass jede/r in die Verantwortung geht und von sich aus einspringt oder aber auch Ideen einbringt: Das kannst du dir als Café-Betreiber wünschen. Aber dass es tatsächlich passiert, ist herausragend. Es ist das „gewisse Extra“, das den Funken überspringen lässt. Nicht nur im Team, auch bei Kunden!

Selbst als der Steuerberater uns ein Jahr lang falsch berät und wir erst durch Jakob G. draufkommen, dass alle zu wenig bezahlt bekamen, zeigt das Team extrem viel Geduld und Loyalität. Patrick und ich kommen ins Schwitzen und Laufen, versuchen das alles relativ rasch zu korrigieren. Die Nachzahlungen sind finanziell ein kleines Desaster für so einen winzigen Betrieb. Und echt peinlich. Bis heute. Aber das gesamte Team hatte Verständnis und hat es mitgetragen. Unglaublich und sensationell großzügig. Auch eine Lehre: Heute haben wir einen Steuerberater, der uns wesentlich besser berät.

Matthias: Großzügig, integer, Kaffee-Guru und personifizierte Bibliothek

Wir wissen, dass die Truppe, so wie sie ist und „funktioniert“ außergewöhnlich ist. Alle sind extrem engagiert und Matthias setzt noch eins drauf. Im Team hat er eine Sonderrolle. Er bildet sich laufend in Sachen Sommelier-Geschmacksknospen weiter und teilt sein Wissen großzügig. Mit einer Selbstverständlichkeit schüttelt er Kaffee-Wissen aus dem Ärmel. Auch springt er wie selbstverständlich ein, wenn Not am Mann oder der Frau ist. Ein „Nein“ gibt es nicht. Er macht es möglich. Matthias ist ein unglaublich großzügiger Mensch, der mit seiner stoischen Ruhe eine gewisse Unaufgeregtheit ins Team bringt, die ein Segen ist.

Barista Kurs

Seit Anbeginn unserer B2B-Kaffee-Firma www.beans-and-machines.at – also seit 2014 halten wir Hobby-Barista-Kurse ab, die Einblick in Kaffee-Anbau, -Aufbereitung und Zubereitung geben. Heute hat Matthias die Kurse fix übernommen. Ein- bis zweimal pro Monat widmet er sich mit vollem Einsatz einen Nachmittag lang Gruppen von Menschen, die etwas mehr über Kaffee wissen möchten. Auf unserem Youtube-Kanal gibt es mit der Suche „Kurs“ kleine Einblicke in Kursinhalte.

Also zu einer Zeit, wo andere in seinem Alter wie selbstverständlich ihre Freizeit genießen, steht Matthias im Geschäft bei Hitze und bei Schnee und teilt sein Wissen, zeigt wie man Kaffee korrekt mahlt, Espressi zubereitet und Milch richtig schäumt. Die Konsequenz und Verantwortung, die er sich da teilweise selbst auferlegt hat, ist mehr als bewundernswert!

Sein Wissen ist nicht nur für unsere Kunden, sondern auch für unser Team immer wieder eine enorme Bereicherung. Man erfährt stets etwas Neues. Er weiß einfach alles über Kaffee – ist sozusagen unsere „lebende Bibliothek“ bzw. „live-Google“ 😉. Wenn du was wissen willst, fragst du Matthias. Jakob G. ergänzt dann ein paar Finessen. Und Janis jongliert meist noch ein weiteres Detail hinzu. Dieses Wissens-Trio ist einfach unschlagbar!

Auch wenn Patrick und ich beispielsweise mal ein paar Tage Auszeit
oder gar Urlaub machen – dann können wir fix auf Matthias zählen. Er hält alles am Laufen. Wir sagen daher an dieser Stelle: Ein RIESEN DANKE, Matthias!“


Schließlich komplettiert Amelie – Patricks Tochter – das Team. Sie studiert Medizin und verdient sich daneben ein paar Euros, um das Studentenleben aufzubessern. Gleichzeitig bereichert sie die Crew mit Gen-Z-Insights und hat ein wachsames Auge auf die political correctness. Da ein Steh-Café – ähnlich einer Ordination – von viele Menschen besucht wird, kann sie hier ideal Erfahrungen in Sachen „Patienten-Betreuung“ sammeln 😉.

Die wunderbare Energie des Teams hat manchmal schon dazu geführt, dass Kunden meinen, alle, die hier arbeiten seien Patricks Kinder! Er sagt, er weiß nur von zwei – und auf die ist er enorm stolz. Zurecht!

2025: Eine Wende im Team

Ein Drittel (!) seines Lebens hat er bei uns verbracht, als sich Jakob dann doch – für uns sehr schweren Herzens – verabschiedet und vom Acker macht. Ja, ja: die Liebe in der Schweiz …

Es ist ja irgendwie abzusehen, dass uns die „Kinder“ früher oder später verlassen, aber wenn es dann tatsächlich soweit ist, ist es doch immer ein großer Einschnitt. Wir sind dankbar für diese lange Treue und schätzen uns glücklich über die vielen, vielen professionellen Inputs und lustigen Momente, die er uns geschenkt hat. Wir wünschen ihm das Allerallerbeste und was immer er in Angriff nimmt, wird sicher ein Erfolg! Und vielleicht sieht man sich eines Tages wieder - auch in einem Profi-Umfeld. Die Hoffnung stirbt zuletzt 😉

Es geht also eine Ära zu Ende. Und wie sagt man so schön: „Schließt sich eine Tür, dann öffnet sich woanders ein Fenster.“ Witzigerweise bewirbt sich ein paar Tage später Lukas bei uns.
Es stellt sich heraus: Lukas hat mit Jakob die Volksschulbank gedrückt. Sie haben sich aus den Augen verloren und treffen sich bei uns beim Bewerbungsgespräch wieder - und das ist bestens. Ja, was soll man sagen: Gute Zufälle gibt es tatsächlich! Und solche Zufälle sind bei uns immer willkommen!

Wir sagen immer, Patrick ziehe in gewisser Weise „Kaffee-Verrückte“ an. Wir hoffen, es lassen sich noch viele weitere in diesen Bann ziehen! 😉 Das Gute daran: Diese „Coffee-Geekness“ hat System und Sinn. An manchen Tagen kommt es vor, dass mehr Menschen (also Team-Mitglieder) hinter der Theke stehen als davor. Einige, weil sie Dienst haben, andere weil sie gerade auf einen Kaffee vorbeikommen. Jedenfalls trifft man sich und tauscht sich intensiv und angeregt miteinander aus. Beste Unterhaltung! Dieses von New York-Hochkratzern inspirierte Foto ist das beste Sinnbild dafür:

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